November 13, 2018

DER „HIMMEL“ ALS BEGEGNUNGSORT

DER „HIMMEL“ ALS BEGEGNUNGSORT

DAS RESTAURANT „KREUZBERGER HIMMEL“ STELLT AUSSCHLIESSLICH GEFLÜCHTETE MITARBEITENDE EIN. SIE KOMMEN AUS DER GANZEN WELT UND GEHÖREN VERSCHIEDENEN ETHNIEN SOWIE RELIGIONEN AN. DAMIT TRÄGT ES NICHT NUR ZUR ERFOLGREICHEN INTEGRATION BEI, SONDERN KÄMPFT AUCH GEGEN RASSISMUS. VON SOFIA NETT

 

E twas schwerfällig schleppt sich Müller unter den mahagonifarbenen Biergartentischen hindurch, die sich in Berlin in der Yorckstraße an der St.-Bonifatius-Kirche aufreihen. Die Französiche Bulldogge mit dem schwarz-weiß gefleckten Fell lässt sich mit einem Seufzer im Restaurant „Kreuzberger Himmel“ nieder. Hier hat sich mittlerweile eine Gruppe junger Männer am Tresen versammelt. In schwarze Hemden und Kellnerschürzen gekleidet, warten sie auf die ersten Gäste des Abends. Aus Lautsprechern dringen leise die dumpfen Töne elektronischer Musik und aus der Küche schon die ersten Gerüche. Sie erfüllen die Luft mit einem Hauch Minze und in der Pfanne schmelzender Ghee-Butter. Ein Blick in die Karte verrät, welche Köstlichkeiten hinter den weißen Schwingtüren, die den Gästebereich von der Küche trennen, zubereitet werden: Gerichte aus der syrischen Küche, wie man sie in Damaskus findet. So sind das auf Reis basierende Festtagsgericht Kabseh, Kibbeh – eine Art Boulette – oder auch ein cremig leichter Nachtisch mit wahlweise Vanille oder Schokolade und Nüssen – genannt Mihlaya – fester Bestandteil des kulinarischen Repertoires. Zubereitet und verteilt werden die Speisen aber nicht nur von Menschen aus Syrien, sondern auch aus Afghanistan, Pakistan und dem Irak. Manche von ihnen sind Muslime, andere Hindus, Juden, Christen oder auch Atheisten. Eines haben die 14 Mitarbeitenden jedoch gemeinsam: Sie sind vor nicht allzu langer Zeit als Geflüchtete nach Deutschland gekommen. Im „Kreuzberger Himmel“ haben sie einen Job gefunden.

 

FÜR INTEGRATION UND GEGEN DISKRIMINIERUNG

 

Der 2015 gegründete Verein „Be an Angel e.V.“ rief das Projekt ins Leben. Eine Gruppe von Journalistinnen und Journalisten und Menschen aus dem Kulturbetrieb schloss sich damals zusammen, um Geflüchtete bei ihren ersten Schritten in Deutschland zu unterstützen. Anfangs stellten sie den Ankommenden Schlafplätze zur Verfügung. Im Februar diesen Jahres öffnete dann das Restaurant. Ziel ist nun die ganzheitliche Integration. Damit leistet der „Kreuzberger Himmel“ auch einen Beitrag gegen Rassismus. Elegante Lampen hängen tief von den hohen Decken. Trotz des durch die hohen Fenster einfallenden Tageslichts, brennen ihre Glühbirnen. Sie werfen einen matten Schein über die in Grau gehaltenen Tische und ebenholzfarbenen Stühle und Bänke. Die Wände erstrahlen in einem kräftigen Kupferrot und verleihen dem Raum eine warme Atmosphäre. An einer von ihnen hängt an Kleiderhaken ein silberner, aus Buchstaben geformter Heliumballon. „Love“ steht darauf. Auch die Atmosphäre unter den Mitarbeitenden scheint alles andere als kühl. Immer wieder dringen Sprachfetzen, meist auf Arabisch aber auch auf Deutsch, und Gelächter von den Männern am Tresen herüber. Amüsiert schildert der Vorsitzende des Vereins Andreas Tölke, wie er nun die Rolle des interkulturellen Vermittlers eingenommen hat. Aufgrund ihrer Herkunft seien die Mitglieder seines Teams sehr unterschiedlich sozialisiert, weshalb man einzelne bisweilen anhalten müsse, sich zu mäßigen oder nicht wegen jeder Kleinigkeit gekränkt zu sein. So seien einige Afghanen eher reserviert und kämpften oft mit dem aufbrausenden Temperament mancher Syrer. Die Tatsache, dass Tölke selbst jüdischer Abstammung ist, habe jedoch nie ein ernsthaftes Problem dargestellt.

 

JÜDISCH-MUSLIMISCHE BEZIEHUNGEN

 

Mit einem Juden zusammenzuarbeiten, das hätte Rami Adham, der aus Damaskus stammt und über deutsche Freunde von Tölkes Restaurant gehört hatte, sich vor zwei Jahren noch nicht vorstellen können. Der 27-jährige Syrer mit dem dichten schwarzen Haar und dem strahlenden Lächeln arbeitet dort als Serviceangestellter. „In Syrien gibt es sehr viel anti-israelische und antijüdische Propaganda“, erklärt Adham mit ernstem Gesicht. Dass Tölke selbst Jude aber nicht Israeli ist, erleichterte dem Familienvater die Sache anfangs Sofia Nett 23 Jahre Das Spannende am Journalismus ist, Menschen und Geschichten kennenzulernen, von denen man ansonsten kaum erfahren hätte. ungemein. Er senkt den Blick und fährt dann mit einem zögernden Lächeln fort, dass er aber mittlerweile Tanzstunden bei einem aus Israel stammenden Coach nehme. Der Schlüssel zu einem erfolgreichen Miteinander scheint in der Begegnung zu liegen. Diskriminierende Denk- und Handlungsweisen können so merklich eingeschränkt werden. Im „Kreuzberger Himmel“ ist man dabei auch um eine absolute Gleichstellung aller Mitarbeitenden bemüht. Als Tölke als Chef des Restaurants bezeichnet wird, verzieht er das Gesicht. Das kann Adham bestätigen. Mal auf Arabisch, mal auf Deutsch und Englisch beschreibt er, wie es ist, im Team des Restaurants zu arbeiten. „Der Laden geht fair mit Geflüchteten um. Es interessiert hier niemanden, ob Mitarbeiter früher in einem Restaurant gearbeitet haben“. Alle sollen eine Chance bekommen. Tölke erklärt, dass das Auswahlkriterium grundsätzlich die Dringlichkeit einer Ausbildungsstelle oder eines Arbeitsvertrages sei, um zum Beispiel eine drohende Abschiebung zu verhindern. Dass er bei der Auswahl neuer Mitarbeitender somit bisweilen gezwungen ist, als moralische Instanz zu handeln, sieht er als große Belastung an.

 

BEGEGNUNGSORT GEGEN DISKRIMINIERUNG

 

Und dennoch ist die Stimmung gut. Bulldogge Müller liegt weiterhin auf dem kühlen Boden unter einem der Tische. Tölke, der auf einer der Bänke sitzt, blickt immer wieder zu den Männern. Sie albern gerade mit einem Feuerzeug herum und lachen ausgelassen. „Ob wir hier gescheitert sind? Wenn ich mir das so ansehe, sind wir das“, bemerkt Tölke schmunzelnd. „Fackel mir bloß die Bude nicht ab!“, ruft er dem jungen Mann mit dem Feuerzeug zu. „Wir sind zwar versichert, aber nicht so gut“.

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