November 13, 2018

WAHLKAMPF IM ENDSPURT

16 BUNDESLÄNDER IN 42 STUNDEN: ZWEI TAGE VOR BUNDESTAGSWAHL
STARTEN KATRIN GÖRING-ECKERT UND CEM ÖZDEMIR IHREN LETZTEN PRCOUP.
OHNE FREIWILLIGE AUS DER PARTEIBASIS GEHT DAS NICHT. EINE
REPORTAGE. VON LOUISA ROHDE

EIN UNGEWÖHNLICHER WAHLKAMPF: DIE GRÜNEN FAHREN MIT DEM BUS.

Es ist früh am Morgen. 6:30 Uhr. Noch ist alles dunkel. Die Luft ist frisch. Vor der Parteizentrale der Grünen rührt sich kaum etwas, drinnen jedoch laufen Menschen im Sekundentakt hin und her. Kisten werden geschleppt, Anweisungen gegeben. In einer halben Stunde fällt der Startschuss für die heißeste Phase des Wahlkampfes – ein letzter Versuch die noch unentschlossenen Wähler auf die eigene Seite zu ziehen. Die Spitzenkandidaten Cem Özdemir und Katrin GöringEckert touren in einem Wahlkampfmarathon 42 Stunden lang durch die ganze Republik. Die Parteibasis und ein Reisebus voller Freiwilliger unterstüzt sie dabei. Auch Leonie Köhler hilft. Die 19-Jährige ist seit sechs Jahren bei den Jungen Grünen und hat schon dem ein oder anderen Wahlkampf beigewohnt. Sie verteilte Flyer im Einhornkostüm, brachte ein Wohnzimmer in die Innenstadt. Doch den Endspurt sieht sie als Highlight des Wahlkampfes. Während die aufgehende Sonne den Platz vor der Parteizentrale in kupfriges Licht taucht, trudeln weitere Mitfahrerinnen ein. Drei von ihnen haben sogar um 2:40 Uhr einen Zug in Hannover genommen, um rechtzeitig den Bus zu erwischen und in den letzten Stunden des Wahlkampfes dabei zu sein. Insgesamt unterstützen rund 20 Leute den Wahlkampf vom Bus aus. AUF KLASSENFAHRT Hanna König ruft sie alle einzeln auf. Jede Person bekommt ein T-Shirt. Dabei schaut die Pressereferentin und „Reiseleiterin“ immer wieder auf eine Liste. Es ist ein bisschen wie bei einer Klassenfahrt. Als der grüne Fernbus um die Ecke kommt, muss es schnell gehen. Denn der Wahlmarathon ist eng getaktet. Leipzig, Halle, Berlin, Schwerin, Frankfurt am Main, Bielefeld und Hannover sollen angefahren werden. Die Wahlhelferinnen verstauen Lebensmittel, Getränke und Werbematerial für knappe zwei Tage im Bus. Mit einer Stunde Verspätung setzt dieser sich schließlich in Bewegung. Während der Bus am Kanzleramt und Schloss Bellevue vorbeifährt, gibt es Frühstück. Es riecht nach frischen Brezeln und Brötchen. Die meisten Helferinnen dösen jedoch vor sich hin. Hier und da wird gedämpft geredet – nicht nur, aber auch über Politik. Wälder, Felder und Windräder ziehen vorbei. Wegen einer Verspätung muss der erste Stopp Leipzig übersprungen werden. Die Wahlkämpferinnen erreichen Halle verfrüht. Kurzerhand strömen sie in die Innenstadt. Nun laufen in der belebten Fußgängerzone lauter Menschen mit grünen T-Shirts herum, verteilen Flyer und Broschüren, fallen auf. Auch Antonia Schwarz. Sie möchte sicherstellen, dass alle Generationen im Wahlkampf vertreten sind. Die Sprecherin der Grünen Alten engagiert sich seit der Anti-Akw-Bewegung in den 1980ern, ist Mitglied der ersten Minute. „Ich war schon immer aktiv“, sagt die Rentnerin. Im Zuge schwächelnder Umfragewerte verteilte sie drei Mal die Woche um 7:30 Uhr Flyer an einer S-Bahn-Station. Denn Straßenwahlkampf hält sie für besonders wichtig: „Du musst den Leuten direkt begegnen und deswegen musst du dahin gehen, wo die Leute sind.“ Das könne sehr berührend sein. Vor Kurzem habe ihr ein älterer Herr Jürgen Trittin für das Bundesverdienstkreuz vorgeschlagen, weil dieser Pfandflaschen einführte. So könnten er und seine Frau sich auch etwas Schönes erlauben. Es seien solche Geschichten, die sie bewegen weiterzumachen, zu kämpfen und nicht bei schlechten Prognosen zu resignieren. ZWISCHEN ANFEINDUNGEN UND DANK Ein paar Anfeindungen lassen jedoch nicht lange auf sich warten. Die Wahlkampf-Veteraninnen sind sich aber einig: Einfach ignorieren! Viel frustrierender sei es, wenn die in harter Arbeit aufgehängten Wahlplakate Vandalismus zum Opfer fielen, finden Mike Caesar und sein Ehemann Christoph Julius. Die beiden engagieren sich seit knapp eineinhalb Jahren in ihrem Stadtteil in Hannover. „Ich spüre schon, ein persönliches Danke der Parteispitze“, sagt Mike über den großen Zeitaufwand. Er fühle sich im Wahlkampf eben nicht wie ein Fußsoldat auf dem Reißbrett, von dem die Basisarbeit erwartet werde. Als den Wahlkampfhelferinnen alle Flyer und Broschüren ausgegangen sind, wartet schon die nächste Aufgabe. Gemeinsam mit lokalen Ortsgruppen verteilen sie Startnummern für den Spendenlauf der Allianz für Vielfalt. Schulklassen und Vereine füllen bereits die 500-MeterBahn des Benefizlaufes am Leipziger Turm. Nun heißt es nur noch warten auf Cem. Um zwölf Uhr soll er dazustoßen und mitlaufen. Und dann geht alles ganz schnell. Nonchalant spaziert der Spitzenkandidat der Grünen mitten in die Gruppe. Er winkt, grüßt, schüttelt Hände, klatscht ab. Zu Popmusik läuft er mit der Nummer zehn und dem Großteil der grünen Wahlkampfhelferinnen fünf Runden für den guten Zweck. Im Anschluss reicht die Zeit gerade noch für ein paar Selfies und Interviews, bevor Cem Özdemir so schnell wieder abreist wie er gekommen ist. Sein nächster Termin und somit auch das nächste Ziel des Busses, ist der Höhe- und mehr oder weniger Ausgangspunkt des Wahlkampfmarathons: die Pasta-Party in Berlin. Im Bus wirkt es, als sei schon Abend. Die Wahlkampfhelferinnen scheinen müde zu sein. Dabei ist es gerade mal 13:30 Uhr. Der Berliner Stadtverkehr macht die Helfer*innen unruhig. Ein Block vom EWerk in Mitte entfernt, reißt ihnen der Geduldsfaden. Sie steigen aus, gehen die letzten Meter zu Fuß. Im E-Werk angekommen, machen sie Nudeln. Dieses Mal gehen sie mit ihren grünen T-Shirts in der Masse unter.

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