November 13, 2018

OBJEKTIVITÄT UND PLURALISMUS

OBJEKTIVITÄT UND PLURALISMUS

WENN MEDIEN DIE VERBREITUNG VON FAKE NEWS“ VORGEWORFEN WIRD, FÄLLT OFT AUCH DER BEGRIFF OBJEKTIVE BERICHTERSTATTUNG. ABER WAS DAS SEIN SOLL, BLEIBT UNKLAR. NORA THEISINGER IST DER FRAGE NACHGEGANGEN, OB OBJEKTIVITÄT IM JOURNALISMUS MÖGLICH UND ÜBERHAUPT NOTWENDIG IST

Nicht nur, was wir sagen, sondern auch wie wir etwas sagen, übt einen starken Einfluss auf unser Gegenüber aus. Der Kognitionswissenschaftler Bent Freiwald beschäftigt sich mit dem Einfluss von Sprache, insbesondere von Metaphern, auf unser Denken. Durch sogenanntes Framing werden Assoziationsketten im Gehirn gebildet. „Mit Frames verstehen wir überhaupt, was Worte bedeuten.“ Fällt ein bestimmter Begriff, werden dadurch sinnliche Eindrücke und Emotionen ausgelöst. Durch Nutzung von Metaphern oder Wortkombinationen werden neue Frames gesetzt. Durch zum Beispiel wiederholtes Hören der Wörter „Flüchtlinge“ und „Kriminalität“ in Kombination, wird eine Verbindung im Gehirn gebildet. Ist daraufhin von Geflüchteten die Rede, werden automatisch die zugehörigen Emotionen zum Wort „Kriminalität“ ausgelöst. Das erschwert natürlich objektive Berichterstattung. WIE PRÜFEN REDAKTIONEN INFORMATIONEN? Artur vom Stein ist Redakteur der Neuen Ruhr Zeitung (NRZ). Er erklärt, dass Medien zwar Themen setzen können, doch sei es schwierig, Meinungen der Menschen zu beeinflussen. Denn oft nähmen Leser und Leserinnen nur Nachrichten wahr, die ihre Ansichten bestärken. Sie bewegen sich in Meinungsblasen. Diese böten einen großen Nährboden für Fake News. Vom Stein erklärt: „Fake News sind falsche Nachrichten, die definitiv nicht der Wahrheit entsprechen.“ Um solche falschen Nachrichten zu vermeiden, arbeiten Zeitungsredaktionen im Kollektiv. Viele Informationen beziehen sie von großen Nachrichtenagenturen wie dpa, AFP oder Reuters. Dort gehen Nachrichten durch mehrere Kontrollinstanzen, bevor sie veröffentlicht werden. Insbesondere werden dabei die Quellen geprüft. Zeitungen selbst haben zudem oft auch eigene Korrespondentinnen und Korrespondenten. Schwierig wird es, wenn die Quellenlage unklar ist, zum Beispiel, weil sich kein Reporter oder keine Reporterin in einem bestimmten Kriegsgebiet aufhält. Aber auch der Zeitdruck in den Redaktionen ist ein Problem. Deshalb müsse laut vom Stein – gerade bei heik-len Themen – auf Formulierungen geachtet und Quellen erkennbar benannt werden. Auf diese Weise werde durch Transparenz versucht, Fake News zu vermeiden. Bei sozialen Medien ist dies schwieriger, da keine Kontrollinstanzen existieren und Fake News schnell eine Eigendynamik entwickeln. Ein weiteres Problem sind Wissensillusionen. Viele Menschen lesen nur die Überschrift und nehmen an, sie wüssten alles Wichtige über ein Thema. IST OBJEKTIVITÄT IM JOURNALISMUS NOTWENDIG? Hier spielt die Sprache erneut eine wichtige Rolle. Durch Formulierungen im Titel werden Frames gesetzt. Doch es sei ein Trugschluss, sich davon frei machen zu wollen. „Wir können gar nicht außerhalb von Frames denken“, sagt Bent Freiwald und weist auf die Macht von Journalistinnen und Journalisten hin, Debatten in bestimmte Frames zu rahmen. Es sei zwar ein deutlicher Unterschied, ob Statistiken präsentiert werden oder zusätzlich eine Bewertung der Situation stattfindet, doch gäbe es dazwischen verschiedene Abstufungen.

Natürlich könnten Zeitungen durch die Auswahl von Themen und Zitaten Einfluss ausüben. Trotzdem sei es wichtig, dass Zeitungen mit unterschiedlichen Ausrichtungen existierten, auch innerhalb einer Stadt, um Vielfalt zu wahren. Ansonsten entstünde eine Monokultur. Rein objektiver Journalismus ist demnach nicht möglich. Transparenz und Neutralität jedoch schon – und beides ist wichtig für eine pluralistische Gesellschaft.

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