November 13, 2018

»DIE HILFLOSIGKEIT KOMMT AUTOMATISCH«

»DIE HILFLOSIGKEIT KOMMT AUTOMATISCH«

ALI CAN BEZEICHNET SICH SELBST ALS „MIGRANT DES VERTRAUENS“. MIT DREI JAHREN KAM ER AUS DEM SÜDOSTEN DER TÜRKEI NACH DEUTSCHLAND. 2016 GRÜNDETE ER DIE „HOTLINE FÜR BESORGTE BÜRGER“. IM GESPRÄCH MIT KATHARINA PETRY ERZÄHLT ER, WIE ER MIT LEUTEN, DIE ANDERS DENKEN, INS GESPRÄCH KOMMT UND WELCHE ROLLE FAKE NEWS DABEI SPIELEN.

WARUM HAST DU DIE HOTLINE GEGRÜNDET?

 

Ende 2014 ist das Thema Migration und Asyl für mich und mein Umfeld sehr präsent geworden. Mich hat überrascht, wie Leute, die in meiner Gegenwart offen waren, sich in den sozialen Medien auf einmal pauschal gegen geflüchtete Menschen aussprachen. Anfang 2016 sah ich dann das Clausnitz-Video, in dem ein Bus mit ankommenden geflüchteten Frauen und Kindern von deutschen Männern angegriffen wurde. Diese aggressive Situation hat etwas in mir bewegt. Ich habe mir folgende Fragen gestellt: Wie sieht eine schöne Streitkultur aus und wie können wir in einer Nation, in der es Menschen unterschiedlichster Herkunft und mit verschiedenen Meinungen gibt, zusammenleben.

 

IN DEINEM BUCH ÜBER DIE HOTLINE BESCHRIEBST DU UNTER ANDEREM, WIE DU IN DEN OSTEN DEUTSCHLANDS GEREIST BIST. DORT BIST DU ZUM BEISPIEL DURCH EINEN SCHOKOOSTERHASEN MIT PEGIDADEMONSTRANTEN INS GESPRÄCH GEKOMMEN. WIE FINDE ICH IM ALLTAG AUCH OHNE SCHOKOLADE DEN EINSTIEG IN EIN GESPRÄCH MIT ANDERSDENKENDEN?

 

Der Schokoladenosterhase war ein freundliches Symbol. Wir müssen eine Brücke schlagen zu Menschen, und eine Ebene finden, auf der wir uns verstehen. Ich habe genau wie die Leute, die bei Pegida gelaufen sind, als Kind Ostereier gesucht. Man sollte versuchen, sich allgemein einem Thema zu nähern, mit Definitionen, mit Quellen und mit Vorerfahrungen. Dann kann man irgendwann auf einer konstruktivfreundlichen Ebene richtig diskutieren.

 

DU HAST EINEN MIGRATIONSHINTERGRUND, WIRST VON DEINEN FREUNDEN AUCH ALS „MUSTERMIGRANT“ BEZEICHNET. WELCHE ROLLE SPIELT DAS IN DEINEM ENGAGEMENT?

 

Zunächst einmal finde ich das sehr freundlich von einigen Menschen, dass sie mich als Vorzeigemigranten bezeichnen. Dahinter steht eine positive Absicht. Gleichzeitig ist es auch ein problematischer Begriff, denn ganz viele Menschen sind integriert. Die Wahrnehmung von Integration ist verzerrt. Nur schlecht integrierte Leute wie Kriminelle mit Migrationshintergrund fallen auf. Andererseits redet aber auch niemand im Zusammenhang mit Uli Hoeneß und seiner Steuerhinterziehung von schlechter Integration. Ich wünsche mir bei diesem Thema mehr Differenzierung.

 

WIE DIFFERENZIERT BERICHTEN MEDIEN?

 

Medien sind auch natürlicherweise nicht die beste Plattform um zu differenzieren. Sie schauen letztendlich danach, was Menschen bewegt und interessant genug ist, um ausgestrahlt zu werden. Es ist wichtiger, dass die Differenzierung nicht in den Medien, sondern in den Köpfen der Menschen stattfindet.

 

WIE STELLT MAN DAS AM BESTEN AN?

 

Es ist schwierig geworden durchzuschauen und zu sehen: Was ist jetzt wahr? Beim Syrien Krieg weiß ich nicht, welche Miliz was zuerst getan hat und ob das stimmt. Da fühle ich mich manchKatharina Petry 20 Jahre, … findet eine kritische Grundhaltung auch außerhalb des Journalismus wichtig, um Fake News zu bekämpfen. Die Hilflosigkeit kommt automatisch, man kann sich nicht so ganz dagegen schützen. Man kann die Medien mit einer kritischen Haltung betrachten. Wenn ich eine Meldung sehe, die mich sehr bewegt, starte ich manchmal eine Konterrecherche. Ich versuche in den Medien der Herkunftsländer nachzuschauen um mir ein besseres Bild zu machen. Dann fühle ich mich sicherer und souveräner.

 

WAS TUST DU, WENN DIR JEMAND IN DEINER ROLLE BEI DER HOTLINE FÜR BESORGTE BÜRGER MIT FALSCHNACHRICHTEN BEGEGNET?

 

Neugierde ist dabei eine schöne Sache. Wenn ich bei der Hotline oder auch im echten Leben merke, dass jemand Informationen hat, die ich nicht kenne oder andersherum, dann stelle ich Fragen. Damit bekommt man einen ähnlichen Wissensstand. Es ist ein bisschen ungewöhnlich, weil viele Leute bei Fake News erstmal jemanden abstempeln. Somit redet man gegeneinander. Letztendlich geht’s aber darum, dass man mit etwas Distanz bespricht, wie eine Meinung so zustande gekommen ist. Da merkt man oft, dass die Quellen unterschiedlich sind, dass die Vorerfahrungen anders sind, und dass man unterschiedlich geprägt ist

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