November 13, 2018

DER FLUCH DES OXYTOCINS

DER FLUCH DES OXYTOCINS

SEKUNDENSCHNELL TEILEN MENSCHEN ANDERE WEGEN IHRER ETHNIE ODER
IHRES AUSSEHENS IN GRUPPEN EIN. DOCH SIE KÖNNEN IHREN KOPF NEU
PROGRAMMIEREN. HEBA ALKADRI HAT RECHERCHIERT, WIE DAS FUNKTIONIERT.

Wie kann ein Mensch Brot warmherzig mit jemandem teilen und ihn dann kaltblütig als Feind töten? Wie können Nachbarinnen und Nachbarn zu Erzfeinden werden? Es ist einfach, Menschen abzustempeln und über sie zu urteilen. Es ist auch einfach, sie nach unseren Maßstäben zu verurteilen und zu behandeln. Wir haben sie in Konzentrationslager geschickt und vergast. Heute schicken wir sie auf Boote und das Meer verschluckt sie. Nach dem Zweiten Weltkrieg fragten sich viele Forschende, wie der Holocaust passieren und die Bevölkerung dem Regime folgen konnte, obwohl es um Menschen ging, die sie kannten. Waren die Mörderinnen und Mörder neurotisch und geisteskrank? Oder sind normale Menschen fähig, unter gesellschaftlichem Druck zu morden? 1963 führte der amerikanische Psychologe Stanley Milgram ein Experiment durch, um herauszufinden, ob ein Mensch anderen Leid zufügen kann. Und tatsächlich ist er unter Umständen dazu bereit.

MENSCHEN TEILEN IN „WIR“ UND „DIE“ EIN „

Wir Menschen sind gut zu unserem eigenen Stamm, wir sind hilfsbereit und großzügig“, erklärt der Professor für Biologie und Neurologie Robert Sapolsky die biologische Grundlage von Gewalt. „Aber anderen gegenüber sind wir feindselig und manchmal grausam.“ Sapolsky hält es für unmöglich, dass der Mensch diese Denkweise ändern kann. Denn es liege in seiner Natur, seine Umgebung in „wir“ und „die“ einzuteilen. Versuche haben gezeigt, dass der menschliche Verstand sekundenschnell das, was er sieht, verarbeitet und Menschen wegen ihrer Ethnie und ihres Aussehens in Gruppen einteilt. Das Hormon Oxytocin ist zuständig, Menschen aneinander zu binden und ihr Vertrauen ineinander zu stärken. Das gilt aber nur für die, die wir als „wir“ bezeichnen. Wenn wir Oxytocin, das Mütter an ihre Kinder bindet und Menschen an ihre Gruppe, im Trinkwasser verteilen würden, würden wir die Menschen um uns herum mehr lieben. Doch ebenso würde unser Hass auf andere steigen. Denn Oxytocin stärkt die Zuneigung zu denen innerhalb der Gruppe und die Abneigung gegenüber denen außerhalb.

FAKTEN INS GESICHT SEHEN

„Rassismus gehört zur Geschichte der Menschen und ist nicht ungewöhnlich“, sagt Samuel Schidem vom Dokumentationszentrum für Verbrechen im Nationalsozialismus „Topographie des Terrors“. „Rassismus tritt auf verschiedene Weisen auf, nicht nur bei verschlossenen oder rückschrittlichen Gesellschaften.“ Die Wissenschaft erklärt das Bedürfnis unsere Umgebung einzuteilen, damit, dass unser Verstand sie nur so verstehen kann. „Vorurteile sind Teil unserer Wahrnehmung und unseres Erinnerungsvermögens“, sagt der Sozialpsychologe Jens Förster. Biologinnen und Biologen glauben, dass wir uns so entwickelt haben, weil es für das Überleben nötig war, zwischen Freund und Feind zu unterscheiden. Doch Rassismus darf nicht trivialisiert werden, egal was der ursprüngliche Zweck war.

VERHALTEN FLEXIBEL

Laut Schidem ist es keine Lösung, Rassismus zu verheimlichen. Vielmehr müsse man sich ihm stellen. Denn um menschliches Verhalten zu beeinflussen und zu ändern, müssten wir verstehen, wie Rassismus funktioniert. Eine Erkenntnis der Sozialpsychologie ist, dass menschliches Verhalten flexibel ist. Sapolsky sagt, dass der menschliche Verstand seine Umgebung in nur 20 Sekunden in „wir“ und „die“ unterteile – nur anhand der Hautfarbe, der Religion, des Alters oder der Nationalität. Er glaubt, dass das unvermeidlich sei. „Wir müssen zwischen ‚uns‘ und ‚denen‘ unterscheiden. Doch wer zu ‚uns‘ und wer zu ‚denen‘ gehört, das kann sehr leicht manipuliert werden, denn diese Einteilung basiert auf fragilen und zufälligen Maßstäben.“ Der Einfluss des Oxytocins ist auf die beschränkt, die wir zu unserer Gruppe zählen. Doch wir sind in der Lage, unsere Definition von Gruppe zu erweitern und andere darin aufzunehmen. Wir können mit dem Oxytocin spielen, anstatt sein Spielball zu sein. Auch der Soziologe Michael Sauter erzählt, dass alle Menschen ihm bei einem Besuch in Daressalam in Tansania zunächst gleich schienen. Doch als er begann, mit ihnen zu sprechen und sie als Individuen kennenzulernen, fingen seine Vorurteile an zu bröckeln. Er war in der Lage, seine Denkmuster zu verlassen. „Kinder spielen im Kindergarten sofort zusammen, ohne dass sie erst zwischen Farben und Gruppen unterschieden“, fügt die Psychotherapeutin Gisela Dinsel hinzu. „Doch die Gesellschaft vermittelt ihnen Stereotype und bringt ihnen bei, zu unterteilen.“ Doch Dinsel sieht eine Lösung: „Wir sind dazu in der Lage, das Programm in unserem Kopf neuzustarten und andere in unseren Kreis aufzunehmen.“

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