​Ein Monster, das Schande heißt

​Ein Monster, das Schande heißt

Fliehen bedeutet für einige Syrerinnen nicht nur dem Krieg zu entkommen, sondern auch ihrem gewaltbereiten Ehemann. In Europa angekommen, reichen viele geflüchtete Frauen nun die Scheidung ein, sie haben das Leben in Freiheit zu schätzen gelernt. Doch diese Entscheidung hat oft weitreichende Folgen.

Von Maram Salloum
„Ich hab seine andauernden Schläge und Beleidigungen ertragen müssen und auch meine Kinder mussten sie ertragen“, sagt die 35 – jährigen Lina. Über acht Jahre sei sie in ihrer Ehe gedemütigt worden. Von ihren Eltern sei sie gezwungen worden, ihren Mann zu heiraten. „Nach meiner Meinung wurde nicht mal gefragt“, sagt Lina. „Es gab keine Verlobungszeit, damit ich die Person kennenlerne, mit der ich den Rest meines Lebens verbringen soll.“ Zehn Jahre war ihr Mann älter. Strenge Gesichtszüge, einen schwierigen Charakter – so beschreibt Lina ihn. „Ich konnte mich nicht mal für einen Tag an das Leben mit ihm gewöhnen. Es gab keine gemeinsame Sachen zwischen uns, er hat mich für seine tägliche Wünsche und seine Befriedigung benutzt, meinen Körper wie ein Boxsack behandelt, an dem er seinem Ärger freien Lauf lies.“ 
Vor der Heirat hat Lina als Englisch-Lehrerin gearbeitet. Sie war frei, sie war unabhängig – aber die Heirat hat das beendet. Die Ehe brachte für Lina große Einschränkungen, sie musste Zuhause bleiben, ihr Leben ihrem Mann widmen, dessen Stimmungsschwankungen in Form von Blutergüsse auf ihrem ganzen Körper zu sehen war. Auch ihre Kinder schlug er, die Wut ihres Vaters war für die Kleinen kaum auszuhalten.
Die Flucht hat Lina als Chance genutzt. Sie lernte, dass das deutsche Gesetz auf ihrer Seite und auf der Seite ihrer Kinder steht. Nachdem sie die andauernde Gewalt ihres Mannes beweisen konnte, hat sie sich das Sorgerecht erkämpft und ist mit den Kindern alleine an einen sicheren Ort gezogen. Für Lina war die Trennung der einzige Weg der Gewalt ihres Mannes zu entkommen. In einer arabischen Gesellschaft wäre das so einfach nicht denkbar gewesen. 

Dass die arabische Frau die europäische Frau sieht, wie das Gesetz sie schützt, und ihr alle ihre Rechte gibt, hat sie dazu gebracht, ein ähnliches Leben zu wollen.
Sahra ist 23 Jahre alt und heißt eigentlich anders. Ihren richtigen Namen will sie hier nicht lesen. Sie hat die Scheidung eingereicht, als sie und ihr Mann in Schweden angekommen sind, weil ihr Mann der Überzeugung war, dass Sahra nicht an die Universität gehört, sondern Zuhause bleiben sollte.  
 Ihre Träume, die sie in ihrem Inneren wegen ihrer sehr frühen Heirat und dem schwierigen Umfeld begraben hat, hatten eine Lücke in ihr geformt, die sie mit ihrer Hausarbeit und dem Lesen von Romanen gefüllt hatte. Das war ihr einzige Fenster zu einer anderen Welt, wo es das Wort „Verboten“ oder „weil du eine Frau bist“ nicht gab.

Sie hat sich für das Fortsetzen ihres Studiums entschieden, nachdem sie die Sprache des Landes beherrscht hat, und sie hat ihr Gespräch mit den folgenden Wörtern beendet: „Ich werde ab jetzt nicht mehr zulassen, dass jemand anders über mein Leben mitentscheidet, nur weil ich eine Frau bin.“
Frauen wie Sahra und Lina werden für ihre Entscheidung häufig angegriffen, sie werden als Huren beschimpft – als ob sie ihre Moralität, ihre Sitten, all das bisher Gültige abgelegt hätten, das sie bislang kannten.
Aber die Gesellschaft, die solche Vorurteile trifft, trifft sie ohne die geringste Ahnung zu haben, was die wahren Gründe sind, die hinter dieser Tat stehen. Diesen Ehen fehlt bereits zuvor die Liebe und die Verständigung, sie beruhen auf Unterdrückung und ständiger Gewalt.

 

Eine Studie der Syrischen Organisation für Familienangelegenheiten in Syrien von 2012 zeigt, dass fast ein Viertel der syrischen Frauen unter häuslicher Gewalt leiden: 26% unter psychischer Gewalt, 18% unter körperlicher Gewalt, 4% unter sexueller Gewalt.
Viele Frauen haben nach ihrem Ankommen in Europa eine Entscheidung für sich selbst getroffen –  mit dem Schutz des deutschen und des europäischen Gesetzes, das Mann und Frau gleich stellt. So muss beispielsweise der Mann, wenn er gegenüber der Frau gewalttätig war, eine Verpflichtung unterschreiben, dass er die Frau nicht belästigt, und bei einer ersten Belästigung wird er verwarnt. Wenn sich die Vorfälle wiederholen, kann es zu einer Haftstrafe führen, und im härtesten Fall kann es auch zu einer Abschiebung kommen.

 

Das Gesetz gibt den Frauen Sicherheit und ein Freiheitsgefühl – das Gefühl, das vielen schon in ihrer Heimat entzogen wurde, wegen der Angst vor einem Monster, das Schande heißt.

 

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